Über die Ausstellung

Vom 29. März bis zum 1. September, 2019 präsentiert der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin die erste Einzelausstellung in einem europäischen Museum mit Werken des US-amerikanischen Künstlers Jack Whitten (1939-2018). Kuratiert von Udo Kittelmann und Sven Beckstette und noch zu Lebzeit mit dem Künstler konzipiert, zeigt Jack’s Jacks zum einen, wie Whitten über eine Zeitspanne von mehr als fünf Jahrzehnten die Mittel der abstrakten Malerei immer wieder erweiterte. Da der Fokus der Ausstellung auf Gemälden liegt, die historischen Ereignissen und prominenten Personen gewidmet sind, bietet diese Auswahl zum anderen einen besonderen Blick auf die Zeitgeschichte sowie auf Persönlichkeiten, die Jack Whitten begleitet und beeinflusst haben, und somit Teil seines Denkens und seiner künstlerischer Entwicklung wurden.

Geboren 1939 in Bessemer, Alabama, wächst der Afro-Amerikaner Jack Whitten in den Südstaaten unter den Gesetzen der Rassentrennung auf, eine Realität, die er als „amerikanische Apartheid“ bezeichnet hat. 1960 geht Whitten nach New York, um an der Hochschule Cooper Union Kunst zu studieren. In Manhattan kommt er in Kontakt mit zentralen Figuren des Abstrakten Expressionismus wie Willem de Kooning und Franz Kline. Außerdem befreundet er sich mit den afro-amerikanischen Künstlern Romare Bearden, Jacob Lawrence und Norman Lewis, die Whitten fördern und unterstützen. Seine Bilder in dieser Zeit sind geprägt vom Surrealismus sowie von gestisch-spontaner Abstraktion. Thematisch stehen Fragen der eigenen Identität im Vordergrund. Neben dem Interesse an den Diskursen von zeitgenössischer Kunst und Kunstgeschichte beschäftigt sich Whitten intensiv mit Philosophie, Psychologie, den Naturwissenschaften und neuesten Technologien – Felder, die in der Folge gleichfalls seine Reflexion über Malerei prägen. Neben westafrikanischer Skulptur stellt eine wichtige Inspirationsquelle weiterhin der Jazz dar. In den Clubs der Stadt besucht er regelmäßig Konzerte der regen und hochkarätigen Szene und trifft Musiker wie Max Roach, John Coltrane, Miles Davis, Thelonious Monk, Ornette Coleman und andere.

Jack Whitten, Porträt | © Foto: John Berens

Jack Whitten, King’s Wish (Martin Luther’s Dream), 1968 | Öl auf Leinwand, 172,4 x 131,4 cm | © Courtesy the Jack Whitten Estate and Hauser & Wirth. Photo: John Berens

1970 setzt ein Wandel in Whittens Schaffen ein. Seine Malerei wird experimenteller und prozessorientiert. In seinem Atelier baut er sich eine Arbeitsfläche auf dem Boden. Anstatt mit einem Pinsel verteilt Whitten mit einem selbstkonzipierten Malwerkzeug – einem riesigen Rakel mit einer Kante aus Gummi oder Metall – große Mengen von Acrylfarbe auf der flach liegenden Leinwand, lässt diese trocknen, um das Bild in weiteren Arbeitsschritten aus Schichten aufzubauen. Dadurch entstehen abstrakte Konstruktionen, deren Malvorgang in jeweils einem Zug erfolgt, sodass nicht mehr einzelne Pinselstriche in Beziehung zueinander gesetzt sind, sondern mit einer Geste eine komplette malerische Fläche entsteht. Außerdem erkennt Whitten in dieser Zeit, dass durch Trocknen und Zerschneiden Farbe selbst zu einem Collageelement werden kann. Durch diese malerischen Innovationen werden Whittens Bilder objekthafter und die materielle Beschaffenheit tritt in den Vordergrund. Der Künstler spricht davon, dass er Malerei mache und nicht mehr male: „I make a painting, I do not paint a painting.”

1980 beginnt eine weitere Phase in Whittens Werk. Er kehrt zunächst zurück zur vertikalen Arbeit am Bild und überträgt die zuvor von ihm entwickelten Experimente auf die stehende Fläche. Den Ansatz, Farbe als Collagematerial zu nutzen, vertieft er ab Mitte der 1980er-Jahre: Mit Acrylfarbe nimmt er Abdrücke von gefundenen Gegenständen und Mustern ab, die er dann auf der Leinwand zu einer illusionistischen Collage zusammenfügt. Von wiedererkennbaren Strukturen Abstand nehmend, konzentriert sich Whitten mehr und mehr auf geometrische Formen, die er aus der getrockneten Acrylfarbe schneidet. Diese Stückchen setzt er wie Mosaiksteine zu einem Bild zusammen, eine Ästhetik, die charakteristisch für sein spätes Schaffen ist.

Von Beginn seiner künstlerischen Entwicklung an widmet Whitten seine Bilder Personen aus seinem Umfeld sowie Figuren der Gegenwart. Über illustrative oder erzählerische Porträts hinausgehend, begreift Whitten das Material als Informationsträger und das Bild als Objekt, das zum Behälter der Essenz der im Titel zitiereten Person wird. In diesem Vorgang sieht Whitten eine Erweiterung der Möglichkeiten abstrakter Malerei: „Wenn man ein Thema nimmt und es in das Medium Farbe einbaut, führt dies zu einer Erweiterung der Bedeutung von Abstraktion.“

Dieser Komplex steht im Mittelpunkt der Ausstellung Jack’s Jacks. Die Präsentation versammelt 30 Hauptwerke aus europäischen und US-amerikanischen Sammlungen, die Whitten als „Gifts“, Gaben, für die im Titel genannten Persönlichkeiten angesehen hat. Einen besonderen Platz nehmen dabei seine Künstler- und Malerkolleg*innen ein. Zu sehen sind etwa Werke, die seinen Mentoren Norman Lewis und Willem de Kooning sowie prominenten Mitstreiter*innen wie Andy Warhol, Louise Bourgeois, Robert Rauschenberg und Arshile Gorky gewidmet sind. Auch Figuren, die das soziopolitische Umfeld des Malers formten, finden sich auf der Leinwand wieder: King’s Wish (Martin Luther’s Dream) (1968) wurde als psychedelische Elegie an Martin Luther King geschaffen. Das Gemälde Apps for Obama (2011), zeugt von Whittens anhaltendem politischen Selbstverständnis. Der Künstler fertigte es zu Ehren des damaligen US-Präsident Barack Obama an, der wiederum dem Maler 2016 die National Medal of Arts überreichte. Die schillernden Farben seiner fragmentierten Malereien erinnern stark an die improvisierten Soli und Rhythmen des Jazz und verraten Whittens unverkennbare Liebe für diesen Musikstil. In der Tat entstanden mehrere Gemälde im Gedenken an die Großen des Jazz, wie etwa Duke Ellington, John Coltrane, Art Blakey, Betty Carter und Bud Powell.

Zum Teil reduziert, zum Teil von überbordender materieller, visueller und emotionaler Kraft, spannen die ausgewählten Werke ein Geflecht an kulturelle, politische und spirituelle Momente auf, die den Kosmos um Jack Whitten bildeten. Es sind Jack’s Jacks.

Jack Whitten, Apps for Obama, 2011 |Acryl auf Hohlkerntür, 213,4 x 231,1 cm | Privatbesitz, courtesy Zeno X Gallery | © Jack Whitten, courtesy Zeno X Gallery, Antwerp. Photo: John Berens

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LAUFZEIT

29. März – 1. September 2019

AUSSTELLUNGSORT

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Staatliche Museen zu Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin
www.smb.museum/hbf

EINTRITT

Regulär: 8 Euro
Ermäßigt: 4 Euro
Hausticket inkl. Sonderausstellungen:
Regulär: 14 Euro
Ermäßigt: 7 Euro
Freier Eintritt an jedem ersten Donnerstag im Monat von 16 bis 20 Uhr.
Für Kinder und Jugendliche bis einschließlich des vollendeten 18. Lebensjahrs ist der Eintritt in die Staatlichen Museen zu Berlin kostenfrei.

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VERKEHRSVERBINDUNGEN

U-Bahn U55 Hauptbahnhof, U6 Naturkundemuseum
S-Bahn S3, S5, S7, S75 Hauptbahnhof
Tram M5, M8, M10 Hauptbahnhof
Bus 120, 123, 142, 147, 245, M41, M85, TXL Hauptbahnhof

DIENSTLEISTUNGEN

Café/Buchhandlung/Kostenlose Garderobe

ÖFFNUNGSZEITEN

Montag
geschlossen
Dienstag
10 – 18 Uhr
Mittwoch
10 – 18 Uhr
Donnerstag
10 – 20 Uhr
Freitag
10 – 18 Uhr
Samstag
11 – 18 Uhr
Sonntag
11 – 18 Uhr

SONDERÖFFNUNSZEITEN AN FEIERTAGEN

Karfreitag bis Ostermontag (19. bis 22. April 2019): 11 – 18 Uhr
Maifeiertag (Mittwoch, 1. Mai 2019): 11 – 18 Uhr
Christi Himmelfahrt (Donnerstag, 30. Mai 2019): 11 – 18 Uhr
Pfingstsamstag bis Pfingstmontag (8. bis 10. Juni 2019): 11 – 18 Uhr

Bildung und Vermittlung

Gruppenführungen

Jack’s Jacks

Dauer: 60 Minuten
Deutsch: 90 € zzgl. Eintritt, fremdsprachig: 100 € zzgl. Eintritt
max. 25 Personen

Die Führung können Sie per Tel. unter +49 30 266 42 42 42 sowie per E-Mail an service@smb.museum buchen.

Öffentliche Führungen

Öffentliche Führungen für Einzelbesucher
Teilnahmegebühr: kostenfrei zzgl. Eintritt
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Treffpunkt Museumskasse

an folgenden Sonntagen, 7.4. / 21.4. / 5.5. / 19.5. / 2.6. / 16.6. / 30.6. / 14.7. / 28.7. / 4.8. / 18.8. / 1.9.2019,  jeweils 14 Uhr

Kuratorenführungen

Öffentliche Führungen für Einzelbesucher
Teilnahmegebühr: kostenfrei zzgl. Eintritt
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Treffpunkt Museumskasse

Samstag 30.3.2019, 15 Uhr
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Kuratorenführung (englisch)
mit Daniel Milnes, Kuratorischer Assistent der Ausstellung

Donnerstag, 22.8.2019, 18 Uhr
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Kuratorenführung (deutsch)
mit Sven Beckstette, Co-Kurator der Ausstellung

Rahmenprogramm im Hamburger Bahnhof

Donnerstag, 23.05.2019, 18 Uhr, kostenfrei
im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Perspektivwechsel mit Christian Kravagna:
Abstraktion und Schwarze Geschichte

Christian Kravagna, Kunsthistoriker und Kurator, ist Professor für Postcolonial Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Donnerstag, 29.08.2019, 18 Uhr, kostenfrei
im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Perspektivwechsel mit Michel Chevalier:
Welche Kunst, welcher Jazz und welche Politik?

Michel Chevalier ist aktiv im Musik- und Kunstbereich als Publizist, Übersetzer, Kulturproduzent, Komponist, Kurator und Radiomoderator.

Donnerstag, 20.06.2019, 18 Uhr
im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Perspektivwechsel mit Eva Sturm: Über das Sprechen über Kunst
Eva Sturm ist Kunstpädagogin, Museumspädagogin, zuletzt Professorin für Kunst-Vermittlung-Bildung an der CvO-Universität Oldenburg.

Samstag 03.08. und Sonntag 04.08.2019, 14 – 17 Uhr
im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Siebdruckworkshop: Porträt der vielen Gesichter
Auf den Werken der Ausstellung Jack Whitten. Jack’s Jacks finden sich viele Portraits. Bei einem Rundgang werden diese gemeinsam betrachtet. Nach einer Einführung in die Technik des Siebdrucks wird an einer mobilen Druckstation gearbeitet. Jede/r produziert ein Portrait in Handtaschengröße und in einer kleinen Auflage.
Kosten: 12 Euro zzgl. Eintritt, Anmeldung erforderlich, Tel. unter +49 30 266 42 42 42 oder per E-Mail an service@smb.museum.

Angebote für Kinder und Jugendliche

Für Kinder und Jugendliche bis einschließlich des vollendeten 18. Lebensjahrs ist der Eintritt in die Staatlichen Museen zu Berlin kostenfrei.

Workshops für Kinder
von 6 bis 12 Jahren
Sonntag, 18.08. / 01.09. jeweils 14 – 16 Uhr
MACH DIR EIN BILD!
Teilnahmegebühr: 9 Euro, Anmeldung erforderlich

Angebote für Schulen

Der Eintritt ist für Schüler kostenfrei. Pro 10 Schüler ist eine Begleitperson kostenfrei.

Seminar für Lehrer*innen und Kunst- und Kulturvermittler*innen
MACHT- UND RASSISMUSKRITISCHE ANSÄTZE IN DER KULTURELLEN BILDUNG in Kooperation mit glokal e.V.

Donnerstag, 09.05.2019, 15 – 19 Uhr/ Brücke-Museum (Bussardsteig 9, 14195 Berlin)
Montag 13.05.2019, 15 – 19 Uhr / Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Zu empfehlen ist die Teilnahme an beiden Seminaren, sie können aber auch einzeln besucht werden. Kostenfrei. Anmeldung erforderlich. Weitere Informationen: www.bruecke-museum.de oder www.smb.museum

Ausstellungsgespräch für Schüler*innen der Sek I und II
KUNST UND POLITIK: JACK WHITTEN
„The political is in the work“, sagte Jack Whitten über seine Kunst. Der Maler widmete seine abstrakten Bilder häufig wichtigen Persönlichkeiten und politischen Ereignissen der amerikanischen Geschichte. In der Ausstellung sprechen und diskutieren die Schüler*innen über die Aktualität der Werke und die gesellschaftspolitischen Kontexte, in denen sie entstanden.
Dauer: 90 Minuten, Kosten: 45 €, englisch / fremdsprachig 75 €

Workshop für Schüler*innen der Klassen 1 bis 6 und Sek I
BILDER MACHEN, BILDER BAUEN
Sein Leben lang experimentierte der Künstler Jack Whitten mit der Malerei. Er strich mit einem Fensterabzieher über seine Bilder, trocknete und zerschnitt Farbe, um sie wie ein Mosaik wieder zusammenzusetzen oder formte Gegenstände mit reiner Farbe ab. Was für Möglichkeiten fallen den Schüler*innen ein, um Bilder mit Farben und ohne Pinsel herzustellen?
Dauer: 120 Minuten, Kosten: 60 €, englisch / fremdsprachig 100 €

INFORMATION UND BUCHUNG

Staatliche Museen zu Berlin
Bildung, Vermittlung, Besucherdienste
Tel +49 (0) 30 266 42 42 42 (Mo-Fr, 9-16 Uhr)
service@smb.museum
www.smb.museum

Das vollständige Bildungs- und Vermittlungsangebot der Staatlichen Museen zu Berlin finden Sie unter www.smb.museum

Katalog

Anlässlich der Ausstellung erscheint im Prestel Verlag ein umfangreicher, illustrierter Katalog in deutscher und englischer Sprache mit Beiträgen von Udo Kittelmann, Sven Beckstette, Guthrie P. Ramsey, Jr., David Reed, Stanley Whitney, einem Gespräch zwischen Zoé Whitley und Melvin Edwards sowie Texten von Whitten selbst.

Die Publikation zeigt, wie der Künstler Jack Whitten (1939-2018) über eine Zeitspanne von sechs Jahrzehnten die Grenzen der abstrakten Malerei stets neu definierte. Ausgehend von gestischen Bildern, die unter dem Einfluss des abstrakten Expressionimus entstanden, zeichnet das Buch die Entwicklung von Whittens malerischem Stil über die Slab Paintings der 1970er-Jahre bis hin zu seinen späteren Experimenten mit Struktur und Materialität nach, die in seinen unverkennbaren Mosaiken-Stil mündeten. Um den zeitgeschichtlichen Kontext der Arbeiten zu beleuchten, liegt der Fokus auf Gemälden, die historischen Ereignissen und prominenten Personen wie etwa Martin Luther King, Barack Obama, Andy Warhol, Louise Bourgeois, Art Blakey oder Prince gewidmet sind.

Zweisprachige Ausgabe (dt. /engl.)
208 Seiten mit 96 Farbabbildungen
Gebunden, 23 x 29 cm
WG1580 ISBN 978-3-7913-5862-8
ISBN 978-3-7913-5862-8
Preis während der Ausstellung im Museum: 35 Euro (regulär € 42, 00 (D) / € 43, 20 (A) / CHF 55, 50)

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Auslieferung: Juli 2019

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin beherbergt reiche Sammlungen zeitgenössischer Kunst, die in einer Vielzahl von Ausstellungen gezeigt werden. Er ist das größte Haus der Nationalgalerie, deren umfassende Bestände außerdem in der Alten Nationalgalerie, der Neuen Nationalgalerie, dem Museum Berggruen und der Sammlung Scharf-Gerstenberg zu finden sind.

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